Unsere theaterpädagogische Arbeit hat verschiedene Elemente aus dem „Theater der Unterdrückten“ von Augusto Boal, dem Improvisationstheater und mit Erfahrungen aus der eigenen Praxis verknüpft. Das „Theater der Unterdrückten“ nach Boal ist den Ursprüngen nach ein politisches Theater, das sein Spektrum im Verlauf der Entwicklung um die psychosoziale Dimension erweitert hat.

 

"Im Theater der Unterdrückten erhalten die Menschen Impulse, die sie in ihren Lebenszusammenhängen freier – frei von Unterdrückung – werden lassen. Dieses Theater muß vor der Folie seiner (sozial-) psychologischen, (sozial-) pädagogischen und (sozial-) politischen Praxis betrachtet werden. Besonders die Praxis der Intervention und die Zielsetzung der Veränderung von Bewußtsein und Strukturen macht es interessant für sozialwissenschaftliche Untersuchungen, die aber immer interdisziplinär orientiert sein müssen, da im Theater der Unterdrückten stets auch psychologische und pädagogische Fragestellungen auftauchen“ (Wiegand).

 

Im Verlauf des Erlebnisprozesses des „Theaters der Unterdrückten“ stellen sich folgende Fragen:

  • Was spricht die Teilnehmer besonders an, um ihr bewusstes Erleben anzuregen?
  • Welche aktuellen Themen beschäftigen die Teilnehmer?
  • Unter welchen Bedingungen wird die Bereitschaft zur Selbst- und Fremdwahrnehmung gefördert?
  • Wie wird Unsichtbares wieder sichtbar für die eigene Selbstwahrnehmung?

Mit Blick auf diese Fragen verbindet sich der Gedanke, dass die Methoden des Theaterprojekts mit ihrem Anspruch sich mit der Wirklichkeit auseinander zu setzen, im besonderen auch dazu geeignet sind, die Selbst- und Fremdwahrnehmung zu fördern.

Bei der Durchführung des Projektes ist der Akteur Beobachter und Handelnder zugleich. Es gibt also keine externen Beobachter, sondern alle sind gleichberechtigt beteiligt. Die Teilnehmer gelangen über das Begreifen zum Erklären: Es gibt dabei keine Allgemeingültigkeiten, sondern spezifische und vorläufige Gültigkeiten, je nach eigenem Selbstverständnis. Das heißt, es gibt keine externen Beobachter bei dem Verfahren, sondern alle sind beteiligt.

Bei der Anwendung geht es vorrangig über das Begreifen zum Erklären: Es gibt dabei keine Allgemeingültigkeit, sondern eine spezifische Gültigkeit nach dem eigenen Selbstverständnis.

Es geht also um folgende Befähigungen der Akteure selber:

  • sich selbst und den anderen besser (er)kennen lernen,
  • Prämissen erklären,
  • Handlungsalternativen entwickeln,
  • Herausfinden eigenener, spezifischen Idee.
 

Hierbei kommt der Akteur nicht ohne eine Neugier zu neuer Selbstwahrnehmung und überraschender Selbstentdeckung aus. Denn hierin liegt ein Schlüssel für die Befreiung innerer und äußerer Zwänge ("Unterdrückung") sowie Möglichkeiten zur Entwicklung von Handlungsalternativen.

Neuere Untersuchungen der Psychologie zeigen motivationale Faktoren von Beziehungen auf: Selbst-Entwicklung und Selbst-Kohärenz. Voraussetzung dazu sind reflektierte Selbstwahrnehmung und sich aktualisierende Selbstkonzepte.

Unsere theaterpädagogische Arbeit stellt also an eine Methode dar, die zur Verbesserung eines "Erkenne-dich-selbst" beiträgt. Mit welchen Schwierigkeiten dieser Prozess grundsätzlich verbunden ist, wusste schon Goethe zu bemerken:

"Hier bekenne ich, dass mir von jeher die große und so bedeutend klingende Aufgabe: ‚Erkenne dich selbst’ immer verdächtig vorkam, als eine List geheim verbündeter Priester, die den Menschen durch unerreichbare Forderungen verwirren und von der Tätigkeit gegen die Außenwelt zu einer inneren falschen Beschaulichkeit verleiten wollen. Der Mensch kennt nur sich selbst, insofern er die Welt kennt, die er nur in sich und sich in ihr gewahr wird“ (J. W. Goethe)