Das szenische Spiel schafft mehr als eine Wirklichkeit

 

Beim Forumtheater wird die Statue aus dem Statuentheater zur Figur mit Sprache und in Bewegung: eine Unterdrückungsszene wird auf die Bühne gebracht, und so gespielt, dass die Rollen des Täters (Antagonist = derjenige, der Unterdrückung ausübt) und des Opfers (Protagonist) in einer klaren Beziehung stehen. Dabei wird zuvor im Gespräch herausgearbeitet, welche Geschichte aus der persönlichen Betroffenheit und Erfahrung eines Akteurs heraus in Szene gesetzt werden soll. Die persönliche Betroffenheit der Teilnehmer - nicht nur eines Einzelnen - ist ein wesentliches Kriterium bei der Auswahl eines in Szene zu setzenden Erlebnisses.

Nach Boal werden keine besonderen Requisiten beim szenischen Spiel verwendet. Bei hier vorgestellten Anwendungsbereichen wurde jüngeren Teilnehmer der Zugang zu den Inhalten über die Auswahl von Kostümen und Requisiten erleichtert.

Die Ursprünge des Begriffs der Rolle liegen im antiken griechischen Theater und hängen eng mit dem Begriff der Persona zusammen. Dieser Zusammenhang von Rolle und Persona lässt sich auch im antiken römischen Theater wieder finden. Es werden bestimmte Verben mit der „Rolle“ verbunden, wie „nehmen, anlegen, tragen, wechseln“. Diese Verben lassen die Vorstellung mitschwingen, es handle sich um einen Gegenstand, eine Maske, den man „nehmen, anlegen“ usw. könnte.

Zunächst wird die Szene wie ein normales Bühnenstück vorgestellt, auf dessen Höhepunkt das Stück angehalten wird. Dann erfolgt die Aufforderung an den Zuschauer zum Mitspielen. Im sich wiederholenden öffentlichen Vorspielen soll der Zuschauer aufgefordert, auch provoziert werden, die Handlung des Unterdrückten zu verändern, indem er selbst die Rolle übernimmt und diese verändert spielt. Dies geschieht an dem Punkt des Szenenablaufs, an dem ein Zuschauer seinen Impuls zur Veränderung der Szene setzt. Dabei unterbricht er die Szene mit einem „Stopp“-Ruf.

Als Vermittler zwischen den Schauspielern und dem Publikum, und zur Koordination der Spielvorschläge, tritt der Joker oder die Jokine auf. Zunächst soll die Veränderung nicht ausdiskutiert werden. Eine Reflexion der Szenen setzt zu einem späteren Zeitpunkt ein, wenn alle Einfälle zur Veränderung der Szene durchgespielt sind.

Eine Lösungsmöglichkeit des Konfliktes muss nicht das Ziel der Veränderungsvorschläge zum Spielen der Szene sein, sondern entscheidend ist der Prozess während des Erarbeitens neuer Szenen. Die anschließende Diskussionsrunde wird vom Moderator geleitet.

Bei dieser Technik ist besonders hervorzuheben, dass die Handlungsabläufe zwar fiktiv sind, aber den Beteiligten ein Probehandeln auf die Zukunft bietet. Die Handlungen sind konkret und Boal geht davon aus, dass die Wahrnehmung, sich selbst als Handelnder erfahren zu haben, die Voraussetzung bietet, in der Realität handlungsfähig zu sein: „Es wird der Wunsch geweckt, in die Wirklichkeit umzusetzen, was im Theater geprobt wurde“ (Neuroth).